Sport-/Bewegungstherapie als fester Bestandteil der modernen Krebsmedizin

Bildrechte-Hinweis: Martin Kunze, Hamburg/DVGS.

 

Heutzutage ist die Sport-/Bewegungstherapie aus der Onkologie nicht mehr wegzudenken. Doch das war nicht immer so. Lange Zeit war der Einsatz von körperlicher Aktivität als rehabilitative oder präventive Maßnahme bei Krebspatienten sehr umstritten. „Die meisten Ärzte und Fachkräfte empfahlen ihren Krebspatientinnen und -patienten Schonung und Ruhe, nicht zuletzt, weil die wissenschaftliche Evidenz für eine andere Empfehlung nicht gegeben war. Zudem herrschte die Angst vor, die Bewegung könne eine Metastasierung begünstigen.“, erklärt Angelika Baldus, die Geschäftsführerin des DVGS.

Anfang der Achtzigerjahre wurden jedoch erste Erfahrungen mit bewegungstherapeutischen Interventionen in der Nachsorge bei Krebspatienten gemacht. Die Deutsche Sporthochschule Köln sowie unabhängig davon der Landessportbund Nordrhein-Westfalen etablierten 1980/81 die ersten Krebsnachsorge-Sportgruppen für Frauen nach Brustkrebs. Inzwischen gibt es bundesweit mehr als 1700 Krebssportgruppen und zahlreiche neue Initiativen, außerdem hat die Sport-/Bewegungstherapie Eingang in die wissenschaftlichen onkologischen Leitlinien gefunden.

Wissenschaftliche Evidenz für die Wirksamkeit von Sport-/Bewegungstherapie in der Onkologie

„Für diese Entwicklung war die steigende wissenschaftliche Evidenz maßgeblich“, erläutert Privatdozent Dr. Freerk Baumann, der die AG Onkologische Bewegungsmedizin am Centrum für Integrierte Onkologie der Uniklinik Köln leitet. „Die Wissenschaftler Kurt-Alphons Jochheim und Klaus Schüle von der Deutschen Sporthochschule Köln waren Pioniere und haben 1983 in einer Studie zur Bewegungstherapie bei Krebs erstmals gezeigt, dass Bewegung einen positiven Effekt auf die körperliche und psychische Konstitution in der Rehabilitation von Brustkrebs-Patientinnen hat. Seit Anfang der 1990er Jahre wurde die Forschung zur Bewegungstherapie in der Onkologie intensiviert. Inzwischen sind etwa 800 randomisierte, kontrollierte Studien publiziert, die die positive Wirkung der Sport-/Bewegungstherapie in der Onkologie belegen“, ergänzt Baumann.

2019 hat ein internationales Konsortium unter Beteiligung des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg und mit finanzieller Unterstützung des DVGS die Fülle dieser verfügbaren Daten zur Wirksamkeit von Sport und Bewegung bei Krebs ausgewertet und Empfehlungen für Ärzte, Fachkräfte und Betroffene veröffentlicht. „Die Studienlage ist eindeutig: Krebspatienten können vor, während und nach einer onkologischen Behandlung von einer gezielten Bewegungstherapie profitieren“, bestätigt Privatdozent Dr. Joachim Wiskemann, der die AG Onkologische Sport- und Bewegungstherapie am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg leitet und an der Expertengruppe beteiligt war. „Die Auswertung der Studienlage hat unmissverständlich gezeigt, dass Überlebende einer Krebserkrankung von körperlichem Training profitieren und dieses vor allen Dingen auch sicher für die Patienten ist. Bewegung hat bei einer Vielzahl von krebsbezogenen Gesundheitsbeeinträchtigungen wie Angstzuständen, depressiven Symptomen, Müdigkeit, körperlicher Leistungsfähigkeit, Lymphödemen und Lebensqualität einen positiven Einfluss“, so Wiskemann weiter.

Sport-/Bewegungstherapie hat Eingang in die Leitlinien gefunden

„Die rasant wachsende Evidenz der sport-/bewegungstherapeutischen Interventionen in der Onkologie hat sich auch in den wissenschaftlichen Leitlinien niedergeschlagen. So wurde zum Beispiel in der 2017 aktualisiert erschienenen S3-Leitlinie Mammakarzinom die Bedeutung von Sport-/Bewegungstherapie in der Behandlung der betroffenen Frauen hervorgehoben“, erklärt PD Dr. Freerk Baumann. Aktuell ist eine S3-Leitlinie zur „Bewegungstherapie bei onkologischen Erkrankungen“ unter Mitarbeit des DVGS in Arbeit. „Die Leitlinien sind wichtige Meilensteine für die Überführung der wissenschaftlichen Erkenntnisse in die Praxis“, betont Baumann.

Bewegungsangebote für Krebspatientinnen und -patienten

„Trotzdem gibt es in Deutschland nach wie vor kein flächendeckendes Bewegungsangebot für Krebspatienten in der Nachsorge“, berichten sowohl Wiskemann als auch Baumann, die die neue Leitlinie gemeinsam koordinieren. Dabei sei es wichtig, dass Krebspatienten und ihre beratenden Ärzte und Fachkräfte ein geeignetes wohnortnahes Bewegungsprogramm finden. „Deshalb hat das NCT Heidelberg das ‚Netzwerk OnkoAktiv‘ in Zusammenarbeit mit dem DVGS initiiert“, berichtet Wiskemann. Es unterstützt Patienten bei der Suche nach einem wohnortnahen, zertifizierten sport- und bewegungstherapeutischen Angebot. „Für die qualitätsgesicherte Ausbildung der Sport-/Bewegungstherapeuten sorgt der DVGS mit einem gezielten Fortbildungsangebot“, erläutert Angelika Baldus, Geschäftsführerin des DVGS. „Dazu zählen unsere Lizenz- und Zertifikatskurse zum Thema Bewegung bei Krebs sowie die Fortbildungskurse „Onkologische Trainings- und Bewegungstherapie (OTT)“ für fortgeschrittene Sport-/Bewegungstherapeuten, die durch die AG Baumann an der Uniklinik Köln entwickelt wurden.“

Eine flächendeckende Versorgung für alle Patienten

„Noch sind wir weit davon entfernt, dass alle Betroffenen ein sport-/bewegungstherapeutisches Angebot erhalten. Aufgrund der hohen wissenschaftlichen Evidenz für den Nutzen der sport-/bewegungstherapeutischen Interventionen in der Onkologie ist das völlig unverständlich. Deshalb fordern wir, dass das flächendeckende Trainingsangebot für alle Krebspatienten in Deutschland schnell ausgebaut und auch von den Krankenkassen finanziert wird“, mahnt Baldus abschließend.

Deutscher Verband für Gesundheitssport und Sporttherapie e.V. (DVGS)

Der Deutsche Verband für Gesundheitssport und Sporttherapie e.V. (DVGS) steht für die Förderung der öffentlichen Gesundheit durch Bewegung. Als Fach- und Berufsverband qualifiziert er Bewegungsfachkräfte und vertritt deren Interessen engagiert in Öffentlichkeit und Gesundheitspolitik. Er fördert Wissenschaft und Forschung und sorgt für die konsequente Umsetzung der Ergebnisse in der Praxis. Dazu konzipiert er qualitätsgesicherte Programme für die Gesundheitsförderung, Prävention und Rehabilitation und stellt sie Bildungsstätten, Leistungsträgern, Leistungserbringern oder politische Entscheidungsträgern zur Verfügung.

 

Bildrechte-Hinweis: Martin Kunze, Hamburg/DVGS.

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