„Scharf gemachtes“ Immunsystem bekämpft Krebszellen von selbst

Quellenangabe: "obs/Medigene AG/Oliver Tjaden"

Martinsried bei München (ots)

Krebs ist trotz enormer Fortschritte in der Medizin auch heute noch bei vielen Patienten unheilbar. Forscher entwickeln jedoch vielversprechende Therapien: Ein Pionier im Bereich der Blutkrebsbehandlung ist das deutsche Biotechnologie-Unternehmen Medigene AG. Dessen neuartige Immuntherapie könnte schwer erkrankten Patienten neue Chancen eröffnen.

Bei Immuntherapien gibt es unterschiedliche Ansätze. Doch alle teilen ein Grundprinzip: Sie verändern gezielt körpereigene Zellen, um diese (wieder) angriffsbereit für Tumorzellen zu machen. Auch die revolutionäre Entwicklung der Therapie der Medigene AG basiert auf diesem Prinzip: Das Unternehmen erforscht mit der sogenannten T-Zell-Rezeptor-Therapie, kurz TCR-Therapie, eine neue Generation der zellulären Immuntherapie. Damit sollen bestimmte Blutkrebsformen behandelt werden.

Gängige Behandlungen helfen nicht allen Patienten

Neue Optionen für bestimmte Blutkrebspatienten sind notwendig, weil gängige Behandlungsformen wie die Chemotherapie nicht allen helfen. Außerdem greift eine Chemotherapie neben kranken auch gesunde Zellen an. Die Stammzelltransplantation wiederum gilt wegen ernsthafter, manchmal auch lebensbedrohlicher Komplikationen als risikoreich. Je nach Alter des Patienten und Erkrankungsstadium kommt diese Behandlung auch nicht infrage. Die TCR-Therapie dagegen könnte möglicherweise schonender wirken. Doch was genau passiert dabei?

„Umprogrammierte“ T-Zellen greifen Tumorzellen an

Im Prinzip ist das Immunsystem in der Lage, jeden Krebs auszuschalten. Dabei spielen spezielle weiße Blutkörperchen, die sogenannten T-Zellen, als wichtiger Bestandteil des Immunsystems eine entscheidende Rolle. Sie patrouillieren unentwegt durch den Körper und halten Ausschau nach verdächtigen oder defekten Zellen, um diese gegebenenfalls zu zerstören.

Doch Krebszellen können T-Zellen austricksen, indem sie sich unsichtbar machen, dadurch unentdeckt bleiben und weiterwachsen. „Um diesen trickreichen Mechanismus zu durchbrechen, werden dem Patienten T-Zellen entnommen und im Labor gentechnisch verändert: Angereichert mit natürlichen T-Zell-Rezeptoren als Erkennungsstrukturen gegen bestimmte Krebszellen werden sie dem Körper wieder zugeführt“, erklärt PD Dr. Simone Thomas vom Universitätsklinikum Regensburg.

Anschließend attackieren die „umprogrammierten“ T-Zellen zielsicher bösartige Zellen und vernichten sie. Bei dieser personalisierten Therapie wird der Körper also in die Lage versetzt, den Krebs von allein zu besiegen. Dafür wird das Immunsystem sozusagen „scharf gemacht“ gegen den Tumor. Gesundes Gewebe soll dabei unversehrt bleiben.

Von der TCR-Therapie könnten Leukämie-Patienten im fortgeschrittenen Stadium profitieren, da sie häufig keine Behandlungsalternativen mehr haben. Wissenschaftler sehen darüber hinaus die Chance, dass Patienten durch diese Therapie ihr Leben lang gegen die Erkrankung geschützt sind. Der Grund: „Einige der veränderten T-Zellen verbleiben möglicherweise als Teil des immunologischen Gedächtnisses im Körper“, sagt Krebsspezialistin Simone Thomas.

Blutkrebsbehandlung könnte revolutioniert werden

„Aus medizinischer Sicht könnte die TCR-Therapie die Blutkrebsbehandlung revolutionieren“, sagt Prof. Dr. Dolores Schendel, Vorstandsvorsitzende und Forschungs- und Entwicklungsvorstand der Medigene AG. Zudem hat diese Innovation das Potenzial, die Zukunft der Krebsbehandlung wegweisend zu prägen. „Krebs könnte durch diesen neuen Ansatz bei weiterer erfolgreicher Entwicklung möglicherweise zu einer ‚chronischen‘ oder in manchen Fällen gar heilbaren Krankheit werden“, so Schendel. Damit übernimmt das Biotechnologie-Unternehmen aus Martinsried bei München eine Vorreiterrolle bei der Erforschung personalisierter Krebsbehandlung.

Bisher nur wenige zugelassene T-Zell-Therapien

Ein weiteres Novum: Nach bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen ist die TCR-Therapie sogar breiter einsetzbar als die nach dem ähnlichen Prinzip funktionierenden CAR-T-Therapien (Chimeric Antigen Receptor, CAR). Womöglich weist die TCR-Therapie auch geringere Nebenwirkungen auf – was jedoch noch zu beweisen ist.

Die Erforschung von Immuntherapien ist besonders zeitaufwendig und kostspielig. Um überzeugende Erfolge zu generieren, sind intensive Forschungen nötig. In Europa wurden bisher nur zwei CAR-T-Therapien: Sie dürfen zur Behandlung spezieller Leukämien und Lymphome seit Ende 2018 angewendet werden. Alle TCR-Therapien werden aktuell noch in klinischen Studien untersucht.

Erste klinische Studie zur TCR-Therapie

Derzeit führt die Medigene AG in Deutschland die klinische Studie INITIAL-TCR durch; mit der Patientenbehandlung wurde begonnen. Es ist die erste klinische Studie dieser Art hierzulande überhaupt. Auf dem Prüfstand steht, ob dieser Ansatz sicher und durchführbar ist und welche Dosis bei der Behandlung benötigt wird.

Jeder auf dem Markt befindlichen Krebstherapie gehen klinische Studien voraus. Anders gesagt: Ohne klinische Studien kein Fortschritt. Es ist der einzige Weg, um Wirkstoffe auf ihre Sicherheit, Wirksamkeit und Verträglichkeit vorher zu testen. Daher trägt jeder teilnehmende Patient zur Entwicklung neuer Behandlungsmethoden bei. Und damit tut er etwas für andere Menschen genauso wie für sich selbst: Möglicherweise kann er von einer wirksamen Therapie mit als Erster profitieren.

Weitere Teilnehmer für TCR-Studie gesucht

Für die klinische Studie INITIAL-TCR werden weitere Teilnehmer gesucht. Informationen über die teilnehmenden Studienzentren sowie Antworten auf häufig gestellte Fragen werden hier gegeben: www.blutkrebs-studie.de. Patienten mit akuter myeloischer Leukämie, dem myelodysplastischen Syndrom oder multiplem Myelom, bei denen übliche Therapien nicht den erhofften Erfolg gebracht haben, haben die Chance auf eine neue Behandlungsmöglichkeit. Diese „austherapierten“ Patienten müssen bestimmte Merkmale aufweisen. Ob man als Teilnehmer infrage kommt, wird im Vorfeld geprüft. Ist das der Fall, folgt eine ausführliche Aufklärung durch eine Ärztin oder einen Arzt. Anschließend kann sich der Betroffene für oder gegen eine Teilnahme entscheiden.

Quellenangabe: „obs/Medigene AG/Oliver Tjaden“

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