Noch mehr Ultraschall?

ultraschall

 

Gefährden die Wunder der Technik das Wunder des Lebens? Gesundheit konkret geht der Frage nach, welche vorgeburtlichen Ultraschalluntersuchungen sinnvoll sind und ob unter Umständen Risiken von kommerziellem „Baby-Fernsehen“ ausgehen.

 

Die meisten werdenden Eltern warten gespannt auf die Ultraschalluntersuchungen während der Schwangerschaft. Zu sehen, wie dort im Mutterleib ein neuer Mensch heranwächst, ist und bleibt ein ganz be-sonderes Erlebnis. Erst seit 1980 sind Ultraschalluntersuchungen hierzulande ein fester Bestandteil der Schwangerenvorsorge. Zuvor war der erste Blick auf das Kind erst nach der Geburt möglich. Der rasante technische Fortschritt der letzten Jahrzehnte ist auch an der Ultraschall-Technik nicht vorübergegangen. Neben der herkömmlichen Darstellung der für Laien diffus anmutenden Schwarzweiß Bilder gibt es mittlerweile Geräte, die farbige dreidimensionale, sehr detaillierte Bilder liefern. Für Mediziner bieten sie die Chance noch präziserer Diagnostik, für findige Unternehmer eine neue Geschäftsidee: Baby- watching im Mutterleib.

 

Bewährte Diagnostik

Die Ultraschall-Technik, auch Sonografie genannt, hat als Früherkennungsinstru-ment in der vorgeburtlichen Diagnostik ihren Nutzen schon vielfach unter Beweis gestellt. Bisher gibt es keine Hinweise dar¬auf, dass der Ultraschall Mutter und Kind schaden könnte. Mit seiner Hilfe lässt sich beispielsweise eine Mangelversorgung des Kindes erkennen. Daran sind Kinder im Mutterleib oft verstorben. Heute kann bei frühzeitiger Diagnose entsprechend gegengesteuert werden. Ebenso lassen sich Fehlbildungen aufspüren, die sich mitunter sogar durch Operationen des Ungeborenen im Mutterleib beheben las-sen oder aber durch einen planbaren Eingriff nach der Geburt das Leben des Kindes retten können.

 

Drei Sonografien auf Kassenkosten

Während der Schwangerschaft haben gesetzlich versicherte Frauen Anspruch auf drei Basis-Ultraschalluntersuchungen, die im Rahmen der Schwangerenvorsorge von der Krankenkasse bezahlt werden. Überprüft wird, ob sich das Ungeborene altersgerecht entwickelt, ob es sich um eine Mehrlingsschwangerschaft handelt und ob es Hinweise auf Entwicklungsstörungen gibt. Seit Juli dieses Jahres ist der zweite Basis-Ultraschall durch eine zusätzliche Untersuchung deutlich erweitert worden. Noch genauer betrachtet und überprüft werden dabei vor allem die inneren Organe. Was wann im Einzelnen untersucht wird, ist in den Mutterschaftsrichtlinien festgelegt. Bevor sie die Sonografie einsetzen, führen die behandelnden Ärzte und Ärztinnen mit ihren schwangeren Patientinnen ein ausführliches Informationsgespräch. Zwar sind durch die sachgemäße technische Anwendung keine Nebenwirkungen zu befürchten, aber die werdenden Eltern müssen sich darüber im Klaren sein, dass diese Untersuchungen dazu dienen, Schwangerschaftsrisiken oder Fehlentwicklungen beim Kind zu erkennen, was möglicherweise weitere Untersuchungen und Belastungen nach sich zieht.

 

Emotionen wecken Wünsche

Für die meisten werdenden Mütter aber bedeutet der Blick auf ihr Kind sehr viel mehr als eine gesundheitliche Diagnose. Ärztinnen und Ärzte, die Schwangere während der Vorsorge betreuen, stellen vielfach fest, dass die Möglichkeit, das Kind nicht nur zu spüren, sondern seine Entwicklung auch sehen zu können, vielen Schwangeren mehr Sicherheit gibt und die emotionale Bindung zum Kind noch erheblich verstärkt. Verstärkt wird aber oftmals auch der ver-ständliche Wunsch, das Ungeborene noch öfter und intensiver betrachten – und dieses Erlebnis vielleicht sogar mit Verwandten und Freunden teilen zu können.
 

Trend zum Babywatching

Schauen, was das Baby macht und wem es womöglich ähnlich sehen wird, ist mittlerweile auch ganz ohne medizinische Diagnostik – einfach nur so – möglich. In den USA und einigen europäischen Nachbar¬ländern ist „Babywatching“ außerhalb von Kliniken und Arztpraxen bereits seit Jahren Standard. Privat betriebene Ultraschall-Stu- dios und -Salons bieten ihre Dienste zum Beispiel in Einkaufszentren an. Und Oma, Opa, Verwandte oder Freunde dürfen auch dabei sein. Den kleinen Erdenbür¬ger in spe gibt es dann zum Mitnehmen auf Fotos in 3-D oder Film bzw. auf DVD, gegen entsprechende Honorare versteht sich. Eine ebenso erfolgreiche wie einträgliche Geschäftsidee, die seit kurzem einige Nachahmer hierzulande gefunden hat, inklusive kreativer Weiterentwicklungen: Wer den Anblick des wachsenden kleinen Wesens nicht mehr missen möchte, lässt ein Fötus-Foto beliebig vergrößern und auf Leinwand oder Glas drucken, auf Wunsch in wählbaren Farbkombinationen, passend zum heimischen Ambiente.

Kritische Fragen

Kritiker bemängeln, dass Ultraschallgeräte als Medizinprodukte nur „ihrer (diagnosti¬schen) Zweckbestimmung entsprechend“ eingesetzt werden dürfen und insbeson-dere bei Schwangeren nur von Medizinern mit Zusatzqualifikation. Des Weiteren stellt sich die Frage, ob unnötige „Beschallung“ nur zu Zwecken des Baby-Fernsehens – die gesunde Entwicklung des Kindes stören kann. Und nicht zuletzt: Sollten fötale Sonografien nicht grundsätzlich unter ärztlicher Aufsicht stattfinden, um auf Fragen oder beunruhigende Beobachtungen direkt fachlich antworten zu können?

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

2 × zwei =