Der hohe Preis der Männlichkeit

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Das vermeintlich starke Geschlecht hat an Kraft verloren. Forscher lüften das Geheimnis um die kürzere Lebenserwartung der Männer und erklären, wie sie die Risikofaktoren vermeiden können.
Der Preis der Männlichkeit beläuft sich auf 5,2 Jahre, zumindest rein rechnerisch. Die Lebenserwartung deutscher Männer beträgt derzeit durchschnittlich 77,4 Jahre, Frauen können mit 82,6 Jahren rechnen. Diese Ungleichheit zwischen den Geschlechtern ist in allen europäischen Ländern zu beobachten.

Die fehlenden Lebensjahre liegen zum Teil in den biologischen Unterschieden begründet. Doch hauptsächlich verkürzen vermeidbare Ursachen das Männerleben. Das belegt ein Team europäischer Gesundheitswissenschaftler in einer aktuellen Studie. Im Geschlechtervergleich haben Männer ein zwei- bis zweieinhalbfach so hohes Risiko, vor dem 65. Lebensjahr zu sterben – und zwar quer durch alle Gesundheitsprobleme, die auch Frauen in gleichem Maße betreffen sollten.

 

 

Junge Männer bei guter Gesundheit halten

Die Zahlen für Europa: In der EU sterben Jahr für Jahr 630 000 Männer im arbeitsfähigen Alter von 15 bis 64 Jahren, dagegen nur 300 000 Frauen. Bis 2060 wird es EU-weit 24 Millionen weniger Männer in dieser Altersgruppe geben, warnt eine Forschergruppe um Alan White, Professor für Männergesundheit im englischen Leeds. Für den gerade fertig gestellten Bericht „The State of Men’s Health in Europe“ (Der Zustand der Männergesundheit in Europa) haben sie unzählige statistische und wissenschaftliche Daten ausgewertet. Angesichts der ermittelten Unterschiede, drängt White darauf, sich mehr um Männer zu kümmern. Damit die schwindende Zahl der Arbeitenden auch weiterhin genug Mehrwert für alle schafft, „müssen wir diese jungen Männer fitter und bei guter Gesundheit halten.“

Das benachteiligte männliche Geschlecht

Das Problem beginnt schon früh. Von Kindesbeinen an vermitteln Mütter ihren Töchtern mehr Gesundheitswissen als ihren Söhnen. „Mädchen werden von ihren Eltern auch eher zum Arzt gebracht“, sagt der Münchener Kinderarzt Nikolaus Weissenrieder. Nach der Familiengründung sind es meist die Mütter, die kranke Kinder versorgen und so häufiger einen Mediziner zu Gesicht bekommen.Auch die Erziehung spielt eine Rolle. Viele Jungen wachsen immer noch in dem Bewusstsein auf, stets stark, unangreifbar und unabhängig sein zu müssen. Frank Sommer, Professor für Männergesundheit am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, sagt über das maskuline Krankheitsdilemma: „Es ist eine Schwäche, wenn ich zum Arzt gehe. Ich könnte ja etwas haben.“ Trotz geringeren Wissens und Angst um die eigene Stärke fehlen Beweise, dass Männer Arztbesuche tatsächlich länger hinauszögern als Frauen.
Männer sind Vorsorgemuffel
Zu den Vorsorgeuntersuchungen geht jede zweite Frau, aber nur jeder fünfte Mann. Als mögliche Gründe führt der europäische Bericht unpassende Praxis-Öffnungszeiten, langes Warten und auch mangelndes Vokabular an. Männern fehlen oft einfach die Worte, um über sensible Themen wie das eigene Wohlergehen zu sprechen. Studienleiter Alan White macht das am Beispiel von Schülerinnen klar, die sich auf dem Schulhof mit Gleichaltrigen über ihre Sorgen austauschen: „Diese Mädchen lernen, mit ihren Emotionen und Problemen umzugehen.“ Jungs dagegen nicht, sagt White.
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